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Natürlichen Umgang mit KI-Tools erlernen – Interview mit Michael Lutz

In diesem Interview berichtet Michael Lutz über den Einsatz von KI-Tools im Unterricht und welche Chancen, aber auch Gefahren er durch Künstliche Intelligenz im Bildungsbereich sieht.

Lieber Michael, wann hast du das letzte Mal ChatGPT oder KI-Tools genutzt?
Michael Lutz: Ich persönlich erst gestern – da musste ich eine E-Mail versenden, um ein Tool zu kündigen. Anstatt selbst eine E-Mail zu schreiben, habe ich den Inhalt der E-Mail eingegeben und die KI hat mir eine Antwort gegeben, die ich fast vollständig übernehmen konnte. Ich musste nur einen Satz ändern und konnte den Rest kopieren und einfügen.

Mit den Schülerinnen und Schülern habe ich es heute im Englischunterricht verwendet –hier sollten sie Verteidigungsstatements verfassen – indem sie vier Schritte befolgen. Sie sollten acht Sätze selbst schreiben, im Anschluss habe ich ihnen gezeigt, wie sie ihre Texte mit der fobizz KI-Assistenz verbessern können, oder wie sie aus ihren acht Sätze eine Geschichte schreiben und damit weiterarbeiten können.

„Ich möchte, dass meine Schüler*innen einen natürlichen Umgang mit Künstlicher Intelligenz lernen und setze KI da ein, wo es Sinn macht und eine Arbeitserleichterung darstellt – wie bei der Ideenfindung oder dem Brainstorming. .“

Die Anwendung mit der E-Mail ist ein tolles Beispiel für die Zeitersparnis, die man durch KI-Tools hat. Nutzt du die KI oft, um kleinere Aufgaben schneller zu erledigen oder wo würdest du sagen, ist so dein Haupteinsatz-Szenario von KI-Tools?
Michael Lutz: Hauptsächlich nutze ich ChatGPT, um Prüfungen zu erstellen. So kann ich einen Text verwenden und daraus sieben Multiple-Choice-Fragen mit vier Antwortmöglichkeiten erstellen. Dann markiere die richtige Antwort mit einem X. Im zweiten Schritt erstelle ich daraus offene Fragen. Ich nutze diese Methode, um Ideen für meinen Unterricht zu finden.

Mit seiner Leidenschaft für digitales Arbeiten begleitet Michael Lutz Teams und Einzelpersonen kompetent bei der digitalen Transformation. Dabei greift er auf 20 Jahre Unterrichtserfahrung auf der Sekundarstufe I und 8 Jahre Erfahrung im Bereich der digitalen Medien zurück. Er ist didaktischer EdTech-Coach und Geschäftsinhaber von Lutz Education.

In Deutschland haben schon viele Bundesländer Handreichungen für den Einsatz von ChatGPT in Schule und Unterricht herausgegeben. Wie sieht es bei euch in der Schweiz aus?
Michael Lutz: Es gibt aktuell noch keine Handreichung, wie man mit KI umgehen sollte. Wir haben in der Schweiz das Datenschutzgesetz (DSG), das ähnlich wie eure DSGVO ist, aber teilweise weiter geht. Wir müssen sicherstellen, dass an den Schulen der Datenschutz eingehalten wird und dass unsere Schülerinnen und Schüler keine Daten preisgeben. Zum Beispiel dürfen sie sich nicht bei ChatGPT registrieren, da dies erst ab 18 Jahren erlaubt ist. Ich bin dankbar für eure KI-Assistenz, da ich damit arbeiten kann, wenn ich es für angemessen halte. Ich gebe den QR-Code frei und schließe das Tool am Ende der Stunde. Wenn ich sehe, dass sie verantwortungsbewusst damit umgehen und ethische Fragen berücksichtigen, lasse ich es länger offen. Ich möchte, dass wir gemeinsam mit der KI arbeiten, da ich meine Schülerinnen und Schüler schätze und sie nicht einfach jemand anderem ausliefern möchte. Wir gehen Schritt für Schritt vor und sie sind voll dabei.

Wie oft nutzt du KI im Unterricht? Ist der Einsatz auch abhängig von den einzelnen Fächern?
Michael Lutz: Genau, das ist abhängig vom jeweiligen Fach und was gerade ansteht. Im Englischunterricht schreiben wir zum Beispiel mit der KI eine Geschichte und erstellen Fragen dazu. So lassen wir die KI auch einzelne Absätze ironisch oder formal schreiben und untersuchen, wie die KI den Text überarbeitet hat.

Habt ihr gemeinsam für den Umgang mit KI-Tools im Unterricht Regeln aufgestellt?
Michael Lutz: Ich bin kein Fan davon, Regeln mit Schüler*innen zu erstellen, da ich bereits weiß, was ich möchte und die Schüler*innen nur eine scheinbare Beteiligung haben. Stattdessen nehme ich die Schüler*innen an die Hand und lerne von ihnen. Wir entdecken gemeinsam Themen und testen die KI in unterschiedlichen Möglichkeiten aus.
Ein Beispiel war, als wir die KI überführt haben, dass sie lügt oder als zwei Schüler*innen gemerkt haben, dass sie mit einem identischen Prompt unterschiedliche Ergebnisse bekommen. So lernen wir gemeinsam, dass alle Inhalte noch einmal geprüft werden müssen und dass ChatGPT keine Suchmaschine ist.
Ich möchte, dass meine Schüler*innen einen natürlichen Umgang damit lernen und setze KI da ein, wo es Sinn macht und eine Arbeitserleichterung darstellt – wie bei der Ideenfindung oder dem Brainstorming.

Habt ihr auch schon Prüfungen mit KI geschrieben oder ist das ein Thema, was diskutiert wird?
Michael Lutz: Nein, das steht noch gar nicht zur Diskussion – das ist noch ein bisschen zu früh, weil ich meine Arbeitskolleg*innen dabei auch noch besser mitnehmen möchte. Obwohl wir bereits Prüfungen mit KI erstellen, verwenden die Schüler*innen KI in den Prüfungen noch nicht. Das ist aber nicht mehr weit weg. Allerdings muss dafür der natürliche Umgang mit KI-Tools vorhanden sein. Ein Beispiel dafür war, als ich einen Fortbildungstag mit einem Arbeitskollegen plante und durchführte und eine Kollegin kam danach auf mich zu und sagte, dass sie nun versteht, warum sie ihren Unterricht nicht abhalten kann wie früher und ihre Aufgaben neu überdenken muss. Es war großartig zu sehen, dass ich andere begeistern konnte, um KI auch selbst einzusetzen.

„Das Thema Chancengleichheit spielt hier eine wichtige Rolle, da Schüler*innen, die Zugang zu Technologie haben, die Möglichkeit besitzen, diese effektiv zu nutzen. Für Lehrer*innen ist es eine Chance, Bildung neu zu denken und sinnvolle Aufgaben zu geben, die mehr auf die Lebenswelt der Schüler*innen abgestimmt sind. Der Einsatz von Technologie kann dabei helfen. Es ist wichtig, einen natürlichen und gesunden Zugang zur Technologie zu haben.“

Wo siehst du die größten Chancen von KI im Bildungsbereich?
Michael Lutz: Ein Punkt ist die Chancengerechtigkeit: Früher war es üblich, den Schüler*innen einfach zu sagen, dass sie einen Vortrag vorbereiten müssen. Sie hatten zu wenig Zeit in der Schule und mussten den Rest zu Hause erledigen. Die Schüler*innen, deren Eltern zu Hause waren, bekamen oft eine gute Note, da ihre Eltern ihnen halfen, schöne Folien zu erstellen. Aber eigentlich wurden die Eltern benotet und nicht die Schüler*innen selbst. Schüler *innen mit berufstätigen Eltern oder einer anderen Muttersprache hatten oft eine schlechtere Note. Das Thema Chancengleichheit spielt hier eine wichtige Rolle, da Schüler*innen, die Zugang zu Technologie haben, die Möglichkeit besitzen, diese effektiv zu nutzen. Für Lehrer*innen ist es eine Chance, Bildung neu zu denken und sinnvolle Aufgaben zu geben, die mehr auf die Lebenswelt der Schüler*innen abgestimmt sind. Der Einsatz von Technologie kann dabei helfen. Es ist wichtig, einen natürlichen und gesunden Zugang zur Technologie zu haben.

Auch die Entlastung von Lehrpersonen durch eine Assistenz ist hierbei ein Thema: Ich sehe Chancen darin, dass Schüler*innen jetzt Zugang zu Assistenz-Tools haben, die Lehrkräfte entlasten können. Wenn ein Text zu kompliziert ist, können die Schüler*innen ihn an die KI weitergeben, die ihn für ein jüngeres Publikum umformuliert. Die Handhabung und Fähigkeiten, die wir uns wünschen, sind jetzt viel größer. Ich mache mir jedoch Sorgen, dass wir zu sehr von diesen Tools abhängig werden. Ich habe selbst erlebt, dass ich einen Blogartikel schreiben wollte und das Tool mir half – ich habe mir den Blogartikel allerdings nicht komplett generieren lassen. Stattdessen habe ich stichwortartig eine halbe Seite geschrieben und das Tool hat mir geholfen, es in Sätze umzuformulieren, die ich dann überarbeitet habe, um sicherzustellen, dass ich mich selbst darin wiederfinde. Das ist eine tolle Chance. Ich habe jetzt mehr Zeit und kann mich auf einzelne Schüler*innen konzentrieren, die die Tools auch benötigen.

Allerdings würde ich auch nicht alle Aufgaben an die KI übergeben: Man liest davon viel auf LinkedIn, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, die Erstellung von individualisierten Lernplänen an KI-Systeme zu delegieren. Ich kenne meine Schülerinnen und Schüler und ihre Stärken und Schwächen und möchte diese Informationen nicht an eine KI weitergeben, von der ich nicht genau weiß, wer dahintersteckt. Auch die Bewertung von Schülerleistungen möchte ich nicht vollständig an eine KI abgeben, sondern selbst durchführen. Ich werde einen Mega-Prompt erstellen, der die Schülerinnen und Schüler auffordert, ihre eigenen Stärken und Schwächen zu identifizieren und zu optimieren. Ich werde jedoch selbst die Bewertung durchführen, anstatt sie an ein objektives System zu delegieren.

Gibt es Entwicklungen im Bereich KI, die dir Sorge bereiten?
Michael Lutz: Bilder und Deepfake-Videos – wenn Bilder auftauchen, auf denen sich Präsidenten von verfeindeten Ländern in den Armen liegen oder die Verhaftung von Donald Trump. Da es immer einfacher wird, solche Dinge zu fälschen – müssen wir darüber sprechen und dies auch im Unterricht behandeln. Meine Schüler*innen haben Angst davor, und ich erinnere mich daran, wie ich einmal ein gefälschtes Bild von Donald Trump gezeigt habe, der verhaftet wurde, und meine Schüler*innen dachten, es sei echt. Wir müssen unsere Jugendlichen über die Gefahren von Betrug und gefälschten Bildern sensibilisieren, da Bilder viel länger und stärker im Gedächtnis bleiben. Wir müssen uns mit diesen Themen auseinandersetzen, um unsere Schülerinnen und Schüler zu schützen.

Was würdest du anderen Lehrkräften, die noch nicht mit KI gearbeitet haben, mit auf den Weg geben, damit diese vielleicht auch damit starten möchten?
Michael Lutz: Stell dir vor, es gäbe ein Tool, das deinen Arbeitsaufwand um 40% reduzieren könnte. Würdest du es ausprobieren? Ich denke, die meisten würden nicht nein sagen. Gibt es administrative Aufgaben, die dich nerven und die jemand anderes übernehmen könnte? Wie viel Zeit investierst du in die Erstellung von Unterrichtsmaterialien? Was wäre, wenn du ein Tool hättest, das dir in 30 Sekunden eine Fünf-Lektionen-Unterrichtssequenz zum Thema botanischer Gärten erstellen könnte? Du könntest die Struktur und pädagogischen sowie methodisch-didaktischen Aspekte anpassen und so Zeit sparen. Anstatt zwei Stunden könntest du nur noch eine halbe Stunde investieren. Das wäre großartig!

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